Abschied

Anfang Juli habe ich Abschied von Neuseeland nehmen müssen. 11 Monate waren schon vorbei. Es fiel mir nicht leicht, wieder loszulassen. Die Vorfreude aufs Studium und der feste Entschluss, Neuseeland wieder zu besuchen, waren ein kleiner Trost.

Einer der vielen Regenbögen, die sich über der Te Ra gezeigt haben
Einer der vielen Regenbögen, die sich über der Te Ra gezeigt haben

 

Rongo ist der neue Maori-Lehrer der Schule. Er lehrt nicht nur die Sprache, „Te Reo Maori“, sondern vermittelt auch die Kultur. So sieht man ihn immer wieder mit ein paar Schülern draußen auf dem Rasen beim Einstudieren eines Gruppentanzes, einem sogenannten „Haka“. Und immer, wenn es ein Fest zu feiern gibt, ist Rongo mit seiner Gitarre dabei und hat ein passendes Lied, das dann alle singen.

Als Rongo einen Monat vor unserer Abreise erfuhr, dass Theresa und ich noch nie auf einem „Marae“ waren, hörte er sich direkt um und fand eine Veranstaltung am kommenden Wochenende. Ein Marae ist das traditionelle Gruppenhaus eines Maori-Dorfes für zeremonielle Anlässe. Quasi die Kirche in der Kultur der Maori. Über das Wochenende hatten die Teilnehmer eines Maori-Sprachkurses eine Übernachtungs-Veranstaltung auf einem Marae in der Nähe. Es waren auch einige Lehrer der Te Ra dabei und Rongo kannte die Veranstalter gut, weshalb er uns ermöglichen konnte, die Begrüßungszeremonie mitzuerleben.

 

Relativ spontan entschieden wir, uns am Freitag nach der Arbeit von Rongo im Auto mitnehmen zu lassen. Aus dem Kostümraum holte ich mir noch schnell ein weißes Hemd, auch wenn man das unter meiner dicken Winterjacke letztendlich eh nicht sah. Aber Alltagsklamotten waren tabu. Erst im Auto fragte Rongo uns, ob wir ein deutsches Lied kennen, das wir als Dankeschön vorsingen könnten. Immerhin sei es nicht üblich, einfach so auf einem Marae aufzutauchen. Ich musste mir dann auch noch ein paar Worte zurechtlegen, damit ich unser „Geschenk“ ordentlich einleiten konnte. Es wurde immer aufregender. Ich glaube ich könnte mal wieder endlos berichten über diesen einen Abend, über die polynesischen Schnitzereien, die musikalische Begrüßungszeremonie, das gemeinsame Abendessen, unser Lied vor all den Leuten und unser interessantes Gespräch im Auto. Denn dieser Einblick in die maorische Kultur war etwas ganz besonderes. Es war keine showfähig gemachte Touristenattraktion, sondern das Praktizieren echter maorischer Gebräuche.

Rongo war nicht der einzige, der uns musikalisch herausgefordert hat. Jutta und Mark, die Handarbeitslehrerin und der Gartenbaulehrer haben uns eingeladen, mit ihnen Musik zu machen. Von der Flöte über verschiedenste Saiteninstrumente bis zum Klavier haben die beiden alles mögliche bei sich Zuhause. Zusammen mit einem anderen Ehepaar spielten wir Volks- und Tanzmusik aus verschiedensten Ländern und hatten einige schöne Abende. Theresa spielte Geige und ich lernte eine neue Art des Klavierspiels: Nicht nach Noten, sondern frei nach Tonarten.

Ein Job, den wir nach 11 Monaten nicht erledigt haben: Der Schuppen
Ein Job, den wir nach 11 Monaten nicht erledigt haben: Der Schuppen

 

Eine dritte Einladung bekamen wir von Nick und Nicki, dem Hausmeister und der Kunstlehrerin. Zum Abendessen nämlich. Mit Nick verstanden wir uns im Übrigen immer besser. Auch wenn wir es nie geschafft haben, den ganzen Hausmeisterschuppen aufzuräumen, war Nick mit unserem Arbeitseifer sehr zufrieden. Normalerweise müssen die Freiwilligen auch mal am Wochenende arbeiten, wenn die Eltern der Schüler kommen, um das Außengelände zu pflegen. Aber für die letzte sogenannte „working bee“ haben wir frei bekommen.

Sehr froh war ich, als ich nach langer Zeit, vielen Telefonaten und mehreren Tipps von Nick endlich Dizzy Halfwonder (mein Auto) verkauft habe. Damit war aber noch lange nicht alles geregelt, um wieder nach Hause zu fliegen. Ich musste noch Dokumente für die Organisation ausfüllen und hatte noch kein einziges Abschiedsgeschenk. Die letzte Woche wurde deshalb etwas aufreibend. Aber ich habe nochmal alles gegeben und dafür noch mehr bekommen:

Wikingerschach made by Theresa und Jakob
Wikingerschach made by Theresa und Jakob

 

Direkt nach der Schülerversammlung am Montagmorgen haben sich die Schüler mit einem Lied bei uns verabschiedet.

Dienstag haben wir beim Volleyball „tschüss“ gesagt.

Mittwoch wurden wir vom Chor verabschiedet, die ein Lied umgedichtet und ein Überraschungsbuffet vorbereitet haben.

Donnerstag war das letzte Faculty Meeting (Lehrerkonferenz). Thema diesmal: Verabschiedung der Freiwilligen. Das klingt jetzt sehr formal, war aber gar nicht so. Jeder Lehrer in der Runde hat etwas persönliches gesagt. Der ganze Raum füllte sich mit Dankbarkeit, Lob und guten Wünschen. Es war eine magische Stimmung und ich fühlte mich etwas überwältigt von der Situation. Abschiedsgeschenke gab es reichlich, von beiden Seiten. Wir haben zum Beispiel ein Wikingerschach aus Holz gebaut. Das ist ein Draußenspiel, das den Schülern die Pause kurzweilig machen wird. Das Highlight war eine Pounamukette, die Theresa und ich bekommen haben. Pounamu („Greenstone“) ist ein besonderer Jadestein, der aus Neuseeland kommt und für die Maoris von großer Bedeutung ist. Deshalb wurde er uns auch von Rongo umgehängt, nachdem jeder Lehrer die Steine gesegnet hat. Er wird mich auf Ewig an mein Auslandsjahr erinnern.

Freitag sind wir noch ein letztes Mal durch alle Klassen gegangen, um allen Schülern endgültig die Hand zu schütteln. Die meisten fielen uns aber um die Arme und machten uns den Abschied nicht leichter.

 

Freitagabend gab es dann schon ein „Farewell Dinner“ bei meiner Gastfamilie, da sie schon am Wochenende in den Urlaub fuhren.

Ein architektonisches Meisterwerk: Die Sydney Opera
Ein architektonisches Meisterwerk: Die Sydney Opera

 

Auch von meinen Freunden habe ich mich natürlich verabschiedet. Moritz erst am Flughafen, denn er hat mich gefahren. Von meinen 36 Stunden Flug zurück habe ich 12 Stunden in Sydney gehabt und mir das Opernhaus bei Nacht angeguckt.

 

 

Es dauerte nicht lange und ich hatte mich in Deutschland wieder eingelebt. Neuseeland schien bald wie ein langer Traum gewesen zu sein, der jetzt zu Ende ist. Auf einmal.

Makara Beach an der Westküste Wellingtons
Makara Beach an der Westküste Wellingtons
East Harbour Regional Park im Osten von Wellington
East Harbour Regional Park im Osten von Wellington